Der internationale Frauentag 08.03.2020

..mir ist aufgefallen, daß ich mich nicht wirklich über diesen Tag freuen oder ärgern kann. Das hat mich etwas traurig gestimmt. Manche Menschen ärgern sich, daß es nur einen Tag für Frauen gibt, viele Frauen hingegen freuen sich über das Gefühl der Anerkennung… ich vergesse den Tag ganz oft.. meistens, wenn ich arbeiten muss.. wie heute .. genau darum geht es doch unter anderem, oder?

Ich erinnere mich an meine Oma. Ich hatte die Gelegenheit sie August 2019 in Rize zu besuchen. Wir haben wirklich viel gelacht. Sie musste ihr ganzes Leben viel arbeiten und dabei viel Ausdauer beweisen. Auf Ihrem roten Stuhl sitzend lächelte sie mich an, bückte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:

„Frauen sollten nicht so viel arbeiten“

Ich lächelte zwar zurück, aber erinnerte sie höflichst daran, daß sie ihr Hab und Gut ihrer Arbeit und ihrer Ausdauer zu verdanken hat. Meine Thesen unterbettete ich mit der darauf folgenden Freiheit, das Erreichten der Flexibilität, dem Genuss des selbstbestimmten Lebens etc… Ich war sehr hastig im Versuch des Erklärens. Als Frau, die ebenfalls immer viel gearbeitet hat, und sich zudem noch mit der Arbeit definiert, habe ich ihr vehement widersprochen. Sie schwenkte durchgehend ihren Kopf hin und her. Ich ertappte mich im Monolog, und hörte auf zu reden. Ich kann mich gut an Ihre irritierten Blicke erinnern.

“ Du kommst nicht so oft, weil du arbeiten musst“, sagte sie leise.

Ich senkte meine Blicke. Sie hatte Recht! Ich fühlte mich alles andere als frei.

Terminiert bewältige ich meinen Alltag. Mein Urlaub, eher kurz gehalten, dient zur Bereicherung für meinem Alltag nach meinem Urlaub. Auch in meiner Freizeit habe ich eine To do Liste, die unsichtbar ist und sich verdeckt hält, aber ich habe Eine, sogar eine sehr bestimmende Liste!

  • Einkaufen
  • Tanken
  • Wäsche aufhängen
  • Buch weiterlesen
  • Maniküre morgens
  • Pediküre abends
  • Sportsachen aufräumen
  • Kurz wischen
  • Schnell bügeln
  • Bad noch polieren
  • Yogamatte desinfizieren

Nicht vergessen .. Meditieren soll entspannen.. Wandern macht fit.. Familienzeit erdet.. überwiesene Rechnungen stärken

  • Mails beantwortet
  • Freunde getroffen
  • die Wäsche ist im Schrank
  • die Wohnung strahlt
  • der Schreibtisch muss warten

.. die Sonne geht unter .. der Tag war zu kurz .. die Liste zu lang.. Es ist manchmal sehr anspornend unter Zeitdruck zu arbeiten und alles zu meistern. Das ist auch ok. Aber in der Freizeit tun wir das auch!!

Für was eigentlich?

Meine Oma, eine starke Frau mit sechs Kindern, einem Mann (meinem tollen Opa), der aber nie da war, weil er ganz oft ganz lange außerhalb der Ortschaft tätig war, musste dem Leben gerecht werden. Eine Frau allein mit sechs Kindern! Tagelang kreatives Essen! Von morgens bis abends gearbeitet auf dem Land, mit den Tieren, auf dem Markt. Leben am Minimum mit maximalem Einsatz. Verständlich, wenn es um´s Essen und Überleben geht. Verständlich die langen Nächte, wenn man vorgekocht hat, nachgeputzt hat, überdreht oder unterkühlt war…. verständlich das frühe Aufstehen, wenn man zwei Stunden Schul- oder Arbeitsweg zu Fuß hatte..

Aber, daß wir Frauen den gleichen Einsatz, mit der ähnlicher Energie in unserer jetzigen Zeit mit unseren aktuellen Bedürfnissen, aufbringen, sollte uns vielleicht doch zu denken geben. Bedarf es wirklich an so viel Einsatz für die monatliche Miete, die Wohnungsrate, das bisschen kohlenhydratfreie Essen und das Wasser zum Trinken? Selbstverständlich leben wir in einer anderen Zeit, und das System funktioniert nun mal so und wir würden den einen oder anderen Freund verlieren, den einen oder andern Job wechseln müssen, wenn wir uns nicht den alltagsüblichen Routinen anpassen könnten.

Aber mal ganz ehrlich, fühlt ihr euch nicht versklavt…?! Ja, ein großes Wort. Sklaverei .. ohne Folter natürlich, keine sichtbaren Spuren am Körper , aber sind die Seelen auch spurenfrei? Sklaverei .. nicht so offensichtlich wie früher. Aber ich finde es ist ein ähnlicher Zustand.. Natürlich ist es eine andere Art der Ungerechtigkeit, eine andere Art Unterdrückung, in manchen Ländern eine sehr subtile Art der Schikanierung, eine andere Art der Verheimlichung, der Einschränkung von Gedanken, der Missachtung …

Das ganze Streben für die Gleichheit, die Freiheit, die Sicherheit.. Zweifellos sollten wir das weiterhin optimieren.. aber ist das noch unser Weg?

Der internationale Frauentag !

Investieren wir unsere Energie wirklich noch in die richtigen Ansätze? Ich weiß es nicht..

Laut einer aktuellen Studie zum Weltfrauentag, die in Zusammenarbeit des Instituts Ipsos mit dem „International Women‘s Day“ und dem „Global Institute for Women’s Leadership“ durchgeführt wurde, glauben44 Prozent der Deutschen, dass es heute immernoch ein Vorteil ist, ein Mann zu sein. Immerhin finden es 65 Prozent der insgesamt 18.000 befragten Personen aus 27 Ländern wichtig, noch mehr Gleichberechtigung zu erreichen. Nur 33 Prozent aller Befragten würde sich selbst jedoch als Feminist oder Feministin bezeichnen. Global gesehen. In Deutschland sind es sogar nur 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer. https://www.unicum.de/de/studentenleben/zuendstoff/weltfrauentag-kleines-abc-zum-frauenrecht

Im Netzt steht noch folgendes dazu: „Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin schlug auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vor, ohne jedoch ein bestimmtes Datum zu bevorzugen. Die Idee dazu kam aus den USA. Dort hatten Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet, das beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Dieser erste Frauentag in den USA am 28. Februar 1909[2] war ein Erfolg – auch weil sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen (Suffragetten) den Forderungen nach dem Frauenwahlrecht anschlossen und gemeinsam mit den Sozialistinnen demonstrierten. Die Idee, diese Form des Protestes zu wiederholen, war schnell geboren, und so kam es auch 1910 im Februar zu nordamerikanischen Frauendemonstrationen für das Wahlrecht. Während die US-Amerikanerin May Wood Simons die Idee zu einem solchen Tag nach Kopenhagen brachte, waren es die deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker, die sich auf dem Treffen in Kopenhagen für den Frauentag einsetzten und den Beschluss forcierten. Der Beschluss in Kopenhagen lautete: „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Frauentag

Die Initiative dafür soll schon vor dem ersten Weltkrieg entstanden sein. Natürlich ist es wichtig Aufmerksamkeit zu finden. Es war damals wichtig! Und es ist jetzt wichtig!

Wichtig ist aber auch, daß wir unsere Ziele immer wieder neu aufarbeiten, unsere Zeit sinnvoller investieren unseren Ärger im Alltag einmal mehr kritisieren und vor allem unsere Bedürnisse überdenken. Vielleicht reicht es auch erst einmal mehr zu lächeln und einmal weniger zu erwarten.

Einfühlsamkeit, Herzlichkeit oder Heiterkeit begleiten jede Frau, wenn sie nicht genau in diesen Eigenschaften verletzt worden sind. Frauen sind stärkend, versöhnend, schmeichelnd, erfrischend, ergänzend, führend , reflektierend. Diese und viele weitere Besonderheiten parallel anzuwenden machen Frauen zu Frauen. Der Alltag, das System , Erwartungen oder Verachtung von lieb gewonnen Menschen sind irreführend… nichts davon sollte die biologischen Fähigkeiten der Frauen in Frage stellen oder gar mindern. Wir brauchen nicht noch stärker als stark zu sein, erfolgreicher als erfolgreich, schöner als schön, glücklicher als glücklich..

Wenn Frauen ihrer positiven Intuition treu bleiben können, verändert sie ihre Welt und Ihr Umfeld. Alles andere verstimmt nicht nur die eigenen Gefühle.

Meine Oma ist vor eineinhalb Monaten gestorben. Sie war 85 Jahre alt. Sie musste nicht viel leiden. Alles ging sehr schnell. Alle Ihre Kinder waren bei Ihr, fast alle Ihre Enkelkinder auch. Wir hatten einige Stunden zu zweit. Alle schliefen im Raum. Sie wollte mich umarmen, ich beugte mich zu ihr:

„Frauen sollten nicht so viel arbeiten“ flüsterte sie mir ins Ohr..